Vorsicht Glas, oder: Wer sind die alle?
(Und warum wissen sie ganz genau, wer ich bin?)
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Momentan läuft die Debatte um ein Social-Media-Verbot für Minderjährige nach australischem Vorbild heiß. Viele Befürworter*innen vergessen dabei zweierlei: Erstens sind Kinder und Jugendliche die falschen Adressat*innen – vielmehr müssten die Tech-Giganten per Gesetz zu Regulierungen gezwungen werden. Und zweitens bedeutet eine Alterskontrolle letztlich eine Klarnamen-Pflicht im Internet für alle durch die Hintertür. Das würde die endgültige Abschaffung jeglicher Privatsphäre bedeuten. Werden wir dann alle endgültig zu gläsernen Bürger*innen? Oder – sind wir das womöglich sogar längst?
Hallo, Frau Müller-Lüdenscheid! Haben Sie Ihrem Mann inzwischen Ihre Affäre gestanden? Was macht das Ziepen in der Brust? Kifft Ihr Sohn Jonas immer noch so viel? Und wollen Sie nicht mal versuchen, von Ihren Schulden runterzukommen? Es gibt da ein brandneues Online-Casino mit hohen Gewinnchancen!
Hand aufs Herz: So wollen Sie nicht begrüßt werden, wenn Sie morgens eine News-Site Ihres Vertrauens öffnen, oder? Ganz grundsätzlich gesprochen, werden Sie aber längst so begrüßt. Die News-Site Ihres Vertrauens hat nämlich dutzende, wenn nicht hunderte »Partner«-Sites. Und all denen haben Sie mit einem Klick auf »Ich akzeptiere die Cookies« erlaubt, Sie auszuspionieren. Und selbst, wenn Sie »Alle ablehnen« oder »Nur notwendige akzeptieren« geklickt haben, heißt das noch lange nicht, dass sich die Anbieter daran halten. Denn da ist ja noch der Kleingedruckte, in diesem Fall: legitimate interest
.
Hinter diesem angeblich legitimen Interesse
verbirgt sich ein vorgeschobenes Argument, mit dem sich Anbieter trotz abgewählter Cookies die Freiheit herausnehmen, to justify tracking many data categories, such as IP addresses, device characteristics, device identifiers, browsing and interaction data, location data, users’ profiles, and others
, also das Tracking zahlreicher Datenkategorien zu rechtfertigen, wie zum Beispiel IP-Adressen, Geräte-Eigenschaften und -IDs [wie IMEI oder MAC, Red.], Browserverläufe und Interaktionen, Ortsangaben, Nutzerprofile und andere
, wie die Website Cybernews im Mai 2024 schrieb. Kurz: Sie persönlich zu identifizieren, denn all diese Daten zusammengenommen sind schon absolut individuell und einzigartig.
Haben Sie schon mal auf die Einstellungen der allgegenwärtigen Cookie-Banner geklickt? Und dann weiter auf die Details? Dann haben Sie vielleicht auch schon mal die Liste all der Anbieter gesehen, die sich auf den allermeisten kommerziellen Websites tummeln (und sich oft auf dieses legitimate interest berufen). Hier ein Screenshot aller Daten-Tracker am Beispiel der Website des SPIEGEL.
Alle diese Unternehmen erfassen sämtliche verfügbaren Daten über Sie, Ihr Surf-Verhalten und ihre Browser- und Systemeinstellungen in den paar Millisekunden, die es braucht, die SPIEGEL-Website zu öffnen. (Das gleiche gilt analog für alle anderen großen Websites.)
183 sind es im Beispiel von spiegel.de insgesamt, darunter alle »üblichen Verdächtigen« von Google/YouTube über Meta (Facebook/Instagram/WhatsApp), LinkedIn, X (Twitter) und TikTok bis zur Supermarktkette REWE und Adobe (Hersteller von Photoshop, aber auch dem PDF-Reader Acrobat). Und etliche »Exoten« wie zum Beispiel die Jodel Venture GmbH, Flashtalking oder Sub(x).
Letztere wurden im Sommer ’24 von Zuora (a leading monetization suite for modern business
) gekauft, wie die Firma seinerzeit stolz berichtete. Und zwar, um ihre bestehende Paywall-Lösung umzuwandeln into an AI-powered paywall solution to gain deeper insights into subscriber behavior
. Wenn eine gewinnorientierte US-Firma aus Kalifornien (noch) tiefere Einblicke in Kundenverhalten
gewinnen möchte, dann sollten alle Alarmglocken laut klingeln, erst recht, wenn sie das mithilfe von »KI« tut. Das Geschäftsmodell der Mit-Tracker von Jodel aus Berlin ist laut Selbstdarstellung, Marken- und HR-Anzeigen für Gen Z & Millennials
zu liefern. Die Firma verspricht bessere Ergebnisse durch smarte Datennutzung
– Werber-Sprech für Big-Data-Analyse. Und Flashtalking unleashes the power of creative in advertising with AI
, also vielleicht entfesselt die kreative Power von Werbung mittels
. »KI«, wir erinnern uns, sammelt Daten. Alle Daten, die sie kriegen kann.KI
Wenn dann all diese Informationen, die über Ihr Verhalten für immer und alle Ewigkeit auf hunderten von Servern überall in der Welt gespeichert sind, auch noch mit Ihrem Klarnamen verbunden sind, dann spätestens ist eine Begrüßung wie weiter oben ohne weiteres möglich. Und das kann schon bald Wirklichkeit werden. Denn:
Laut einer aktuellen ZDF-Umfrage sind offenbar gut 80 Prozent der Befragten für ein Verbot von Social Media für Kinder unter 14 Jahren, schrieb DER SPIEGEL vor zwei Wochen. Dabei warnte die österreichische Digitalrechte-NGO Epicenter.works Anfang Februar: Social-Media-Verbot droht zur Klarnamenpflicht zu werden.
Und auch wenn selbst das für viele Menschen eine irgendwie gute Idee sein mag – Sascha Lobo schrieb schon vor sechs Jahren im SPIEGEL: Ein Klarnamennetz wäre ein Paradies für Stalker, Mobber und Todeslistenfans.
Denn, so führte er damals aus, Klarnamenpflicht-Anhänger sind die Impfgegner des Internets, das soll keine Herabwürdigung sein, sondern die Feststellung einer Parallele. Beide meinen es eigentlich nur gut, folgen aber gefährlichen Fehlüberzeugungen. (…) Die Klarnamenpflicht ist gefährlich, weil Anonymität und Pseudonymität im Netz in erster Linie Schutzinstrumente sind. Insbesondere ohnehin angreifbare und marginalisierte Menschengruppen würden gefährdet.
Und selbst wenn Sie sich nicht zu einer angreifbaren Menschengruppe zählen (was im Falle einer längst nicht mehr undenkbaren Landes- oder sogar Bundesregierung unter Beteiligung oder sogar Führung der AfD ein sehr dehnbarer Begriff zu werden droht), selbst dann kann es Ihnen eigentlich nicht recht sein, wenn die Analyse Ihres Surf-Verhaltens sie derart gläsern macht, dass weltweit verstreute Server millimetergenaue Profile mit Ihren sämtlichen sexuellen, religiösen, politischen, moralischen, gesundheitlichen, wirtschaftlichen Besonderheiten, Ihren Beziehungen, Ihrer Familie, Ihren Kaufgewohnheiten, Ihrem Schreibstil und Ihrem Rechner- und Phone-Setup zusammen mit Ihrem Namen, Ihrem Geburtsdatum, Ihrer Adresse und Telefonnummer dauerhaft hinterlegt haben.
Es gibt eine schlechte und eine etwas weniger schlechte Nachricht. Die schlechte: So lange die EU und die Regierungen der EU-Staaten der digitalen Entwicklung weiterhin meilenweit hinterherhinken und die US-Datensauger weiterhin für die meisten Menschen die einzige Option bleiben, wird sich an diesem Überwachungsszenario nichts ändern. Die etwas weniger schlechte Nachricht: Es gibt Organisationen und Websites, die weiterhin achtsam sind, aufklären und – auch juristisch – gegen den Datenhunger anzukämpfen versuchen; lesen Sie netzpolitik.org, folgen Sie den Vereinen Digitalcourage, Chaos Computer Club und noyb (none of your business), der Electronic Frontier Foundation (EFF), und lassen Sie sich vom Digital Independence Day inspirieren, jeden Sonntag einen der US-amerikanischen Anbieter zu verlassen.
Helfen kann auch, zumindest teilweise, JavaScript zu deaktivieren, denn problematic uses of cookies are usually triggered by JavaScript code on the page. When JavaScript is disabled, it can’t set cookies
, schrieb Stackexchange-User amon vor fünfeinhalb Jahren, also kurz: kein JavaScript, keine problematischen (Tracking-)
Dafür eignet sich besonders das Addon NoScript, das sowohl für Firefox und andere Mozilla-basierte Browser, als auch für Chrome und andere Chromium-basierte Browser wie z. B. Edge, Brave und Vivaldi kostenlos erhältlich ist. Downloads gibt’s auf der Website noscript.net.
Und à propos Klarnamenpflicht – dann ist da noch … die EUID-Wallet. Aber, um Michael Endes Momo zu zitieren, das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.
In den nächsten Tagen, um genau zu sein. Bis dahin: Bleiben Sie sicher.





