Doch zu mikro, das Plastik?
+Gerade erst vorgestern hatten wir über potenzielle Gefahren von Mikroplastik geschrieben, aber auch darüber, dass das Bundesamt für Risikobewertung (BFR) momentan »keine Hinweise auf gesundheitliche Risiken« sieht. Ein ganz aktueller Artikel im britischen The Guardian scheint diese Einschätzung zu bestätigen.
Kurz zur Vorgeschichte: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Studien, die Mikroplastik im menschlichen Organismus gefunden haben und eindringlich vor den möglichen gesundheitlichen Folgen warnen, fast explosionsartig zugenommen. Und es klingt ja auch logisch: Die gesamte Umwelt ist mittlerweile massiv mit Plastik-Abfall belastet, auch Trinkwasser, Nahrung und sogar die Atemluft enthalten Spuren von Mikro- oder Nanoplastik, kleinsten Partikeln von Kunststoff, die durch Zerkleinerung oder Abrieb größerer Plastikteile freiwerden. Zum Beispiel tragen Autoreifen erheblich zur Belastung bei, berichtete der NDR am Beispiel Hamburgs im Juni ’25. Da liegt die Frage nahe, was denn mit diesen feinsten synthetischen Spuren im Körper passiert.
Besonders eine Studie hat im Februar des vergangenen Jahres für reichlich Aufsehen gesorgt; erschienen am 3. Februar 2025 im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature, hat auch The Guardian seinerzeit berichtet. Levels of microplastics in human brains may be rapidly rising
, lautete die alarmierende Schlagzeile, also etwa: Der Anteil von Mikroplastik in menschlichen Gehirnen steigt möglicherweise rapide.
Auch Blut, Samenflüssigkeit, Muttermilch, Plazenten und Knochenmark seien mit Mikroplastik kontaminiert, hieß es vor einem Jahr beim Guardian. Aber gerade die Studie zur Belastung des Gehirns mit Kunststoffpartikeln erscheint inzwischen wohl in einem anderen Licht. »Ein Witz« sei sie, schrieb The Guardian am vergangenen Dienstag und zitierte damit Dr. Dušan Materić, der in einem im November 2025 ebenfalls in Nature veröffentlichten Beitrag vor allem die Methodik der Studie kritisiert. Materić ist Leiter einer Forschungsgruppe zu Mikro- und Nanoplastik (MNP) am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Die Studie, so schrieb er mit seinem Team, appears to face methodological challenges, such as limited contamination controls and lack of validation steps, which may affect the reliability of the reported concentrations.
Sie sieht sich also Problemen wie begrenzter Kontrolle von Verunreinigungen und Mangel an Prüfschritten gegenüber, was die Zuverlässigkeit der berichteten Konzentrationen [von MNPs im Gehirn] beeinflussen könnte.
Mit anderen, weniger wissenschaftlich vorsichtigen Worten: Was die Studie herauszufinden geglaubt hat, mag durchaus völlig übertrieben sein.
Und das liegt vor allem an den Messmethoden, oder genauer gesagt: an der Größe der untersuchten Teilchen. Oder noch genauer: ihrer Winzigkeit.
Weil nämlich diese MPNs so »mikro« oder gar »nano« sind (ein Mikrometer oder μm entspricht einem Tausendstel Millimeter, ein Nanometer einem Tausendstel µm oder Millionstel Millimeter), müssen sie sozusagen »indirekt« gemessen werden. Das passiert vorwiegend mit einer Methode, die sich Py-GC-MS nennt (oder in lang und umständlich Pyrolysis–gas chromatography–mass spectrometry); dabei werden Proben verdampft und die entstehenden Dämpfe aufgefangen. Wegen der dabei beständig auftretenden Verzerrungen sei Py-GC-MS keine geeignete Technik, um Polyethylene oder PVC zu identifizieren
, schrieb die australische Forscherin Dr. Cassandra Rauert, Umweltchemikerin an der University of Queensland, bereits im Januar 2025.
Falsch-positive Ergebnisse können darauf basieren, dass manche der Mini-Partikel, die in den Dämpfen gefunden werden, genauso gut aus Fettgewebe stammen können. Und gerade das Gehirn besteht aus rund 60 % Fett. Durchaus möglich also, dass die beunruhigenden Mengen an Mikro- und Nanoplastik im Denkorgan in Wirklichkeit Fette sind.
Rauerts Untersuchung führt insgesamt 18 Studien auf, in denen die Möglichkeit solcher falsch-positiven Ergebniss nicht bedacht worden sind.
Auch DER SPIEGEL hat gestern über den Guardian-Artikel berichtet. Dort wird auch ein Aspekt der Kritik genannt, der auf einen möglichen Missbrauch der Studienergebnisse hinweist: Fehlerhafte Daten, so warnen Forschende, könnten politische Entscheidungen in der Plastikregulierung fehlleiten oder der Industrie Argumente liefern, reale Risiken herunterzuspielen.
Mit anderen Worten: Wenn die früheren Studien sich als unsauber erweisen, könnten Plastik-Befürworter – wie zum Beispiel Ölfirmen – dies nutzen, um eine vermeintliche Ungefährlichkeit zu behaupten. Und die ist ja bislang ebenfalls nicht bewiesen.
Es bleibt kompliziert – und wir bleiben dran.





